Gender-Diskurs und Schutzräume

Offener Brief an die Piratinnen-Mailingliste

Ahoi, neu hier!

Ich habe mich auf der Mailingliste angemeldet, nachdem ich Lenas Interview angehört hatte und zu meiner Schande feststellen musste, dass ich ein Stück weit den vielfach doch recht negativen Berichten anderer Piraten über das Anliegen der Piratinnen aufgesessen war. Aber schon da hatte ich was gelernt, beim nächsten Mal lieber gleich Primärquellen konsultieren. Das, was Lena da gesagt hat, kann ich zu 90% unterschreiben, und ich habe mich an der ein oder anderen Stelle sogar unangenehm ertappt gefühlt.

Zum Beispiel argumentiere ich in der Gender-Satzungsfrage immer, dass der entsprechende Passus nur eine Regelung für offizielle Parteidokumente darstellt und eben zur Klarstellung dort steht, dass Frauen von dem Begriff „Pirat“ explizit eingeschlossen sind, womit ich sehr gut leben kann. Gleichzeitig sei mir aber noch nie ein Pirat untergekommen, der mir auf Basis der Satzung ernsthaft versuche vorzuschreiben, dass ich mich nicht als Piratin bezeichnen dürfe, was ich schon länger zu tun pflege. So weit, so gut. Das Problem ist, beim Hören des Interviews und den Ausführungen zum Schutzraum ist mir aufgefallen, dass ich in dieser Argumentation gelogen habe. Mir sind schon mehrfach Piraten untergekommen, die mich ernsthaft dafür angegangen sind, dass ich mich Piratin nenne, und sich auf die Satzung berufen haben. Witzigerweise wurde ich von wiederum anderen Personen schon angegangen, weil ich mich als Pirat bezeichnete. Als Frau kann man es in dieser Frage augenscheinlich nicht allein recht machen. Nun waren diejenigen, von denen solche Äußerungen kamen, natürlich einzelne Spinner und bei weitem nicht die Mehrheit. Die meisten Piraten meinen es mit der Gleichberechtigung durchaus ernst und lassen sich auch auf Diskussionen darüber ein.

Das viel interessantere für mich ist, dass ich im Brustton der Überzeugung gesagt habe, so eine Form der Diskriminierung sei mir bei den Piraten NIE NIE untergekommen, obwohl das einige Male eben doch passiert ist. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich da die Unwahrheit erzählte. Um ja nicht vor all den emanzipierten Männern als die Rückschrittliche dazustehen, die alte Geschlechterkämpfe wieder aufnehmen will – so interpretiere ich mein Verhalten jetzt im Nachhinein – habe ich also selbst so getan, als gäbe es kein Problem. „Es besteht Diskussionsbedarf, seit jemand postuliert hat, es gäbe keinen Diskussionsbedarf“, hat ein mir lieber Pirat den Sachverhalt beschrieben. Als er das sagte, pflichtete ich ihm sogar bei, habe es bloß noch nicht auf mich bezogen. Ich habe mich zwar nicht explizit gegen diese Mailingliste ausgesprochen, wäre aber auch nie auf die Idee gekommen, dass ich möglicherweise zu den Frauen gehören könnte, für die sie eingerichtet wurde. Zu denen, die am lautesten demonstrieren wollen, dass sie keinen „Schutzraum“ brauchen und sich damit mal eben selbst widerlegen. O.o

Wie dem auch sei, ziemlich viel Selbsterkenntnis für einen Montag Abend, aber ich hatte noch nicht genug und habe mich gleich mal in die Debatte gestürzt. In diversen IRC-Channels habe ich an dem Abend sehr produktive Gespräche über die Genderfrage mit Piraten geführt, die diese sonst immer sehr schnell und genervt abgetan haben. Dadurch, dass ich ihnen meine kleine Geschichte erzählt habe, haben sie sich aber viel bereitwilliger auf die Diskussion eingelassen, weil sie sich ausnahmsweise nicht auf die Anklagebank gerückt fühlten. Wir kamen an dem Abend zu so erfreulichen Ergebnissen wie dass die Bezeichnung „Pirat“ für alle Parteimitglieder genauso legitim ist wie die Bezeichnung „Feminismus“ für die Gleichberechtigungsbewegung. Und das waren teilweise Männer, denen zwei Tage zuvor bei dem Wort „Feminismus“ noch die Haare zu Berge standen, weil sie dachten, man wolle sie übervorteilen.

Ich denke, wir müssen viel mehr betonen, dass Diskriminierung aufgrund des Geschlechts nicht an feste Rollenverteilungen gebunden ist. Männer diskriminieren gegen Frauen, Frauen gegen Männer, aber sehr oft auch Männer gegen Männer oder eben Frauen gegen Frauen. Ich denke, dass viele Männer bei den Piraten sich der Genderdebatte nur deshalb verweigern, weil sie das Gefühl haben, dass der Bedarf an einer geschlossenen Frauenmailingliste bedeutet, sie als Männer hätten etwas falsch gemacht. Viele, die von Post-Feminismus reden, tun das nicht, weil sie ernsthaft glauben, es gäbe nirgendwo in unserer Gesellschaft Diskriminierung, sondern weil sie denken, die Anerkennung eines Handlungsbedarfs sei gleichbedeutend mit einem Schuldeingeständnis.

Diese Piraten haben sich wirklich oft selbst nichts groß vorzuwerfen und teilen unser Ziel einer echten Gleichberechtigung. Nur weil das Bild des unterdrückenden Mannes und der unterdrückten Frau (auch ein überholtes Klischee) noch so tief in ihren Köpfen verankert, merken sie nicht, dass die fortbestehende Diskriminierung in unserer Gesellschaft allen Geschlechtern schadet – vor allem all jenen, die es wagen, aus der klassischen Rollenverteilung auszubrechen. Ich habe mich nun also dieser Mailingliste angeschlossen, in der Hoffnung, hier nicht das befürchtete Männergebashe zu lesen, genauso wie mir in den Chats mit Piraten in den letzten Tagen nicht die erwartete Ablehnung der Genderdiskussion widerfahren ist. Ich war zwar von der Ankündigung der Piratinnen in Form der PM nicht begeistert, aber so lange hier ein konstruktiver Dialog stattfindet, bin ich dabei. Ich werde mir vielleicht trotzdem die Frechheit herausnehmen, diesen Beitrag noch irgendwo anders zu posten, Eure Antworten aber selbstverständlich nicht.

Piratige Grüße,
Julia

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5 Antworten to “Gender-Diskurs und Schutzräume”

  1. Mit piratigen Grüßen » Blog Archive » Piratinnen – persönliche An- & Einsichten Says:

    […] Catch-up: Offener Brief an die Piratinnen-Mailingliste […]

  2. Eike Scholz Says:

    Ahoi,

    nun erstmal danke für einen Weiteren Sachlichen Beitrag zu dem Thema.
    N

  3. Eike Scholz Says:

    (weiter)

    Ich bin ja weitgehend der gleichen Meinung. Nur ein Paar kleinere Anmerkungen habe ich wo ich nicht der Meinung bin.
    Estmal ist Feminismus nicht ein synonym für die Gleichberechtigungsbewegung. Das ist einfach historisch nicht richtig. Es gibt Feministinnen die Teil dieser Bewegung sind/waren. Aber
    selbst wenn alle Feministin Teil der Bewegung wären, muss nicht jeder in dieser Bewegung Feminist sein. Ich bin für Gleichberechtigung aber will mich ich aus verschiedenen Gründen nicht von Feministen vereinnahmen lassen.
    Zweitens, nur weil ein paar Piraten Spinner sind – ja sind sie – ist das noch kein Problem der Piratenpartei, dass sollte schon einen gewissen Grenzwert überschreiten. Sonst kann eine Gruppe sich eh nicht gegen einen solchen Vorwurf wehren. Das gilt generell. Nehmen wir z.B.: doch mal das Problem Kriminalität und Ausländer. Nun würde ich auch instinktiv erstmal behaupten ich hätte nie negative Erfahrungen mit Ausländern gemacht, aber bei nachfrage – das stimmt nun nicht.
    Muss ich jetzt das Kriminalitätsproblem der Ausländer thematisieren?
    So oder so, auch darüber werde ich in einem sachlichen Diskurs sprechen, aber ich bin mir dem Ideologischen Heifischbecken in dem ich mich befinde dann auch bewusst. Du scheinst dir dessen ja auch bewusst zu sein. Na, ich bin mal gespannt, was da von der Gruppe „Piratinnen“ an politischen Vorschlägen erarbeitet wird. Da ich als Mann da nichts einsehen kann kannst du um der der Transparenz willen vielleicht mal ab und an wiedergeben was da gerade Thematisiert wird. Du musst ja keine Details rausrücken.

    Beste Grüße und alles Gute in der PP,
    Eike

  4. Johann Schwarzbart Says:

    „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ (Voltaire)

    Ich verdamme nicht was Du sagst 🙂

    Ich verdamme auch nicht Lena oder andere Piratinnen.

    Ich verdamme auch nicht die Piraten, die die Genderneutralität erhalten wollen.

    Ich verdamme auch nicht die Piraten, die die Transparenz durch eine geschlossene Mailingliste gefährdet sehen.

    Ich verdamme die Diskussion um die Genderthemen, weil sie von den Piratenthemen ablenken. Die Feststellung, dass der Pirat geschlechtsneutral ist, sollte genau diese Ablenkung verhindern.
    Aber diese Diskussion ist offenbar notwendig, sonst würden sich nicht so viele beteiligen.

    Ich verdamme es, wenn mitten im Wort ein großes „I“ auftaucht. Das hat aber mehr damit zu tun, dass ich solche Schreibweisen als linguistischen Unrat empfinde. Frauen in IT-Berufen, in der Politik, bei den Piraten, …, begrüße ich sehr. Es gibt unzählige Bereiche bei denen es keinen Grund gibt, dass sich Frauen zurückhalten.

    Ich verdamme es, wenn sich Männer oder Frauen auf ihre Genderzugehörigkeit etwas einbilden. Das gibt es Glück bei den Piraten nur selten. Die wenigen, die es gibt (leider meisten männliche Piraten) kommen bei der Genderdiskussion natürlich aus den Löchern gekrochen und krakelen herum. Aber auch damit müssen wir wohl leben.

  5. PiratPix Says:

    „Es besteht Diskussionsbedarf, seit jemand postuliert hat, es gäbe keinen Diskussionsbedarf“ trifft es auf den Punkt.

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